Der Mönch

Es war Mittwoch der 9. August im Jahre 2000. An diesem Tag hatten wir vor von der Konkordia Hütte über den langen Aletschgletscher auf die Mönchsjochhütte zu steigen. Da es ein Ruhetag werden sollte, schliefen wir bis sieben Uhr und verließen um acht die Hütte über die lange steile Treppe die hinunter zum Konkordiaplatz führt. Da ich einem Ferienjob wegen am nächsten Tag schon die Heimreise antreten musste, hatte ich vor noch wenigstens einen Viertausender zu besteigen. Als wir uns auf dem Gletscher anseilten bemühte ich mich mit der ersten Dreierseilschaft flott vorwärts zu kommmen, um bis Mittag das Mönchsjoch zu erreichen. Von dort aus hatte ich mir in den Kopf gesetzt könnte ich allein noch bis zum Gipfel gehen während sich die anderen auf der Hütte ausruhen konnten. Doch wir kamen nur sehr langsam voran, weil meine Kameraden am Seil total auf Ruhetag eingestellt waren und mir den Mönch wegen des aufkommenden schlechten Wetters, womöglich mit Gewitter, ausreden wollten. Somit war nichts zu machen und wir erreichten erst am Nachmittag, nach ausgiebigen Pausen in denen wir sogar einige Abfahrten den Kurzskiern am Touristenlift unternahmen, die Hütte. (Jetzt war es auch schon zu spät. Denn es hatten schon einige Bergsteiger ihr Leben am Mönch verloren, weil sie ihn unterschätzt hatten und versucht haben noch am Nachmittag auf den Gipfel zu steigen.) Ich schaute mir besorgt das Wetter an und versuchte auf der Terrasse Ruhe zu finden um zu Schlafen. Doch bald fing es auch schon an zu schneien. Als dann das Wetter immer ungemütlicher wurde, verzog ich mich schließlich in die volle Hütte. Es war jeder von uns sechs Personen irgendwie müde. So hängten wir um den Tisch herum und hielten uns mit Kartenspielen wach. Ich las die Routen auf den Mönch in einem AV-Führer nach und packte schon mal überflüssiges Gewicht aus dem Rucksack. Als wir nach dem Abendessen ins Bett gingen war es schon neun Uhr und immer noch schlecht Wetter. Kurz vor dem Einschlafen sagte links neben mir jemand ich könne ja den Wecker auf Mitternacht stellen und dann auf den Mönch gehen. Ich grinste nur und sagte nichts, doch mein Wecker den ich mir ans Ohr gelegt hatte stand bereits auf 23 Uhr, weil ich gelesen hatte, dass der Anstieg über den Süd-Ost-Grat 2½ bis 3 Stunden erfordert und der Abstieg ebenso. Ich rechnete damit mit knapp fünf Stunden auszukommen, un rechtzeitig zum Vier-Uhr-Frühstück zurück zu sein. Um diese Zeit würden vier unserer Gruppe aufbrechen um die Nordwand, welche eine sehr schwierige Tour ist, zu klettern.

Als der Wecker piepte schaltete ich ihn sofort aus und schlich in der Unterhose auf die Terrasse. Es war sternklar und hell denn der Mond war zu dreiviertel voll und beleuchtete die Süd-Seiten der Schnee und Eisbedeckten Berge. (Auf der Treppe begegnete ich noch irgend jemandem, doch da es sehr dunkel war und er nichts sagte, weis ich nicht ob er einer von uns war oder nicht) Schnell zog ich mein Gewand an, schnappte mir ein Eisbeil und den Rucksack und verbrannte mir fast die Kehle als ich mir noch einen großen Schluck Tee aus der Thermoskanne gönnte. Um zehn nach rannte ich von der Hütte weg zum Einstieg des Süd-Ost-Grats, der wegen der tiefen Spuren im Schnee nicht zu verfehlen war. Nach kurzer Zeit hatte ich den felsigen Teil des Grates hinter mir und freute mich als ich am im Führer erwähnten Regenmesser vorbei kam, denn so war ich auf der richtigen Route. Als ich die Steigeisen anlegte sah ich wie vereinzelt kleine Wolken aufzogen und bemerkte dass der Wind stärker wurde. Die Stirnlampe lies ich wie gewöhnlich im Rucksack, weil ich diese sicherheitshalber nur zum Abstieg oder einem Rückzug benützen würde. Die Verhältnisse konnten nicht besser sein, Eis und Schnee waren ganz hart gefroren und das Eisbeil sitzte bei jedem Schlag einwandfrei. Es kamen noch ein par felsige Stellen bis ich schließlich auf einer Kuppe stand und ich keine Spuren mehr fand die dem Grat weiter folgten, doch dann sah ich Spuren, die aus der Nordwand kamen. So stellte ich fest, dass ich am Gipfel angelangt war. Oben leuchteten die Sterne und von gut 3000 Meter unterhalb die Lichter von Grindelwald. Es war genau zehn nach zwölf, so war ich erst eine Stunde unterwegs gewesen, das verblüffte mich. Zuerst versuchte ich noch eine zweite Jacke an zu ziehen, aber da war der Wind schon zu stark. Als ich geschwind die Thermoskanne leer trank, begann es plötzlich zu schneien. Ich packte den Rucksack und dachte: nix wie weg. Im Schein der Stirnlampe bemerkte ich erst im Abstieg, wie lang der Grat war den ich hochgeklettert (Im Normalfall würde ich hier nicht von klettern reden weil der Süd-Ost-Grat eine relativ leichter Anstieg ist. Doch um möglichst schnell zu sein, bin ich auf allen vieren hinauf...) bin. Zu schneien hat es dann auch wieder so plötzlich aufgehört wie es angefangen hat. Für den Abstieg wollte ich mir viel Zeit lassen, da dies meist der gefährlichste Teil der Tour ist und ich daran dachte wie drei Tage zuvor einer unserer Gruppe gestürzt ist. (Sein Steigeisen saß nicht richtig am Schuh. Ich sah ihn wie er flog und sich nach mehreren Überschlägen mit den Eisbeilen im Firn halten konnte. Dies geschah bei der Überschreitung des Grüneckhorns über einem beachtlichen Hängegletscher. Währe er hier nicht zum stehen gekommen... Der Abstieg vom Mönch verlief reibungslos und so legte ich mich um halb zwei wieder zu den Schlafenden und hatte das Gefühl, mein Schlafsack sei noch warm.

Erst sehr spät konnte ich einschlafen. Um vier beim Frühstück sagte ich niemandem wo ich letzte Nacht gewesen war, sondern as umso mehr, denn ich hatte noch einen langen Abstieg bis nach Fiesch vor mir. Ich wünschte den vieren noch viel Glück in der Nordwand, packte meinen Rucksack und fuhr in gut einer Stunde mit den kurzen Skiern über den Gletscher bis fast an den Konkordiaplatz. Ab hier war nur noch Eis wiet und breit. Der Abstieg über den Aletschgletscher kam mir vor wie eine Ewigkeit. Immer wenn ich dachte jetzt hab ich's fast taten sich wieder und wieder unüberwindbare Spalten vor mir auf. Als ich endlich dem Spaltenlabyrint entkommen war giengs nur noch rauf den kleinen Klettersteig, den langen Wanderweg bis zum Heuboden und hinunter ins Dorf. Die Beine waren müde von dem 5½ stündigem Abstieg und es standen noch 10 Stunden fahrt mit der Bahn an, wofür ich noch nicht mal mehr genug Geld dabei hatte.

Es war wieder einmal ein Super-Urlaub in den Bergen mit vielen Erlebnissen: Erst ein paar Tage Zelten am Furkapass, dort zahlreiche Klettertouren unternommen (Routen am Hanibal, am Wandfuß des Furkahorns, Klein und Groß-Bielenhorn und dann war da noch die Tour aufs Große Furkahorn unter extremen Verhältnissen, die mir noch lange in Erinnerung bleibt.) und dann die Hochtouren im Berner Oberland: Grüneckhorn, Grossgrünhorn, Hinterfiescher und Grossfieschhorn und als krönenden Abschluss der Mönch.